17. August 2011
Touristenmagnet: Der Einsteinbrunnen
Kanzleialltag

Deutschlands Arbeitsgerichte (9) – Ulm

Das Ulmer Münster aus Kölner Sicht

Nach einer „Sommerpause″ soll sich der Blog wieder einem weiteren Arbeitsgericht widmen: Ulm, Universitätsstadt, 120.000 Einwohner, Ulmer Münster, 161,53 Meter hoch und damit der höchste Kirchturm der Welt, ICE-Haltepunkt – es gibt so einiges in dieser Stadt. Und auch ein Arbeitsgericht, das im Justiz- oder Behördenzentrum Zeughausgasse untergebracht ist.

Wer aus Nordrhein-Westfalen kommt und „Justizzentrum″ oder „Behördenzentrum″ hört, der befürchtet das Schlimmste! Hierzulande verbergen sich hinter solchen Bezeichnungen gesichtslose Bauten, die weder ansehnlich sind, noch sich wegen dieses Umstands unauffällig in ihre Nachbarschaft einfügen oder gar verstecken. Was also hat Ulm in dieser Hinsicht zu bieten?

Ursprünglich befand sich das Arbeitsgericht gemeinsam mit dem Sozialgericht in einem 9stöckigen Hochhaus gegenüber dem Justizgebäude. Der Raum war knapp, der Bedarf groß, so dass schon in den 1970er-Jahren die Idee einer gemeinsamen Unterbringung von Arbeits- und Sozialgericht nebst weiterer Behörden an anderer Stelle entstand. Hierzu wurde schließlich der Stadtteil „Auf dem Kreuz“ auserkoren, obwohl dieser Ende der 1970er Jahre ein eher heruntergekommenes Problemviertel war. Das heutige Gelände war damals immer noch eine Nachkriegswüste, heruntergekommene Baracken und Garagen neben Mietshäusern. Die Planung für das neue Gerichts- und Behördenzentrum begann Ende der 70er Jahre.

Wegweiser BehördenzentrumDas Behördenzentrum befindet sich auf dem ehemaligen Zeughausgelände, das aus zahlreichen Gebäuden und Erweiterungen bestand und erst im Dezember 1944 einem Luftangriff zum Opfer fiel. Die Anfänge dieser Bebauung gingen bis in das 15. Jahrhundert zurück und verdeutlichten die Entwicklung und Eigenständigkeit Ulms.

Das Behördenzentrum wurde durch die Architekten des staatlichen Hochbauamtes I Ulm entworfen. Dabei sollte die Neubebauung harmonisch mit den noch vorhandenen Altbauten verbunden werden. Dies ist den Architekten auch aus heutiger Sicht hervorragend gelungen.

Zwar wurde so sehr auf eine Einfügung in das Stadtbild geachtet, dass die Anordnung der Fenster, insbesondere im Dach einer praktischen Nutzung kaum gerecht wird, aber trotz eines klar gegliederten durch große Dachflächen und Fensterunterteilung strukturierten Gebäudes meint man nicht, einem Behördenbau der 1980er Jahre gegenüberzustehen. Die weiße Fassade aus geschlämmten Ziegelmauerwerk wird von den – an Fachwerk erinnernden – dunkelbraunen Trägern und hervortretenden Stützmauern und den braun eloxierten Fensterrahmen durchbrochen. Den Übergang von der Außenwand zum Ziegeldach bildet ein hervorstehendes Fensterband.

Behördenzentrum von SüdenBehördenzentrum Zwischentrakt (Platzseite)Behördenzentrum (rechts) mit Zeughaus (links)

Arbeits- und Sozialgerichte bezogen den südlichen Teil des Gebäudes, während der nördliche Trakt vom Versorgungsamt, dem Veterinäramt, der Bewährungshilfe und dem Gesundheitsamt bezogen wurde. Mit der Behördenreform leerte sich der Nordteil und stand seit dem Jahr 2000 leer bis er nach einer umfangreichen Renovierung im Jahr 2008 vom Amtsgericht und den Bezirksnotariaten bezogen wurde.

Hinter den Bäumen: das AmtsgerichtEingang ArbeitsgerichtDas Arbeitsgericht von der Hofseite

Die Geschäftsräume des Arbeitsgerichts befanden sich immer im dritten Stock, die Sitzungssäle im Tiefgeschoss. Das Gericht hatte lediglich im vierten Stock für einige Zeit Reservezimmer. Die diesbezügliche Zuteilungsanfrage des Arbeitsgerichts war tatsächlich zunächst mit der Begründung „dann fehle eine Reserve″ abgelehnt worden. Das Arbeitsgericht betritt man von der Zeughausgasse durch einen zurückversetzten Eingang. Im Foyer fällt die verklebte Pförtnerscheibe auf. Die Pförtnerloge wurde nie genutzt.

Eingang Arbeits- und SozialgerichtNie benutzte Pförtnerloge

Von hier aus geht es links zu den Aufzügen in die oberen Etagen, zu Richterzimmern, Geschäftsstellen und Verwaltung des Arbeitsgerichts. Die Betontreppenhäuser haben nicht nur einen rhombenförmigen Grundriss und kleine Fenster, sondern auch den Geruch, der hierfür so typisch ist. Während die Zimmer im Gebäude mit Linoleum ausgelegt sind, befand sich auf den Fluren von Anfang an ein Noppenbelag, Anschleichen auf Gummisohlen ist also nicht möglich. Modern war es seinerzeit auch, die Wände des Flures im oberen Bereich mit Fenstern zu versehen, die Tageslicht einfallen lassen. Modern waren auch die Einbauschränke, die schon in den einzelnen Büros vorhanden sind.

 GerichtsflurBlick aus dem Treppenhaus ins GrüneTreppenhaus

Im Foyer gelangt man rechts durch eine Glastür zu den Gerichtssälen. Diese liegen eine halbe Etage tiefer und gruppieren sich um ein dem Gebäude vorgelagertes verglastes Atrium. Da der Zugangsbereich mit Treppen und einer Rampe ebenfalls großzügig verglast ist, ist es hier hell und freundlich. Keineswegs fühlt man sich wie in Neonröhren beleuchteten Fluren einer 1980er-Jahre Behörde.

 Rampe zum SaaltraktInnenhof von innenSaaltrakt mit InnenhofDie Sitzungssäle selbst sind skurril. Der feste Teppichboden wurde auch für die Seitenverkleidung des Richtertisches verwendet. Der kleine Saal verfügt über eine typische 80er-Jahre Deckenbeleuchtung aber nur ein kleines Fenster. Gleiches gilt für den großen Verhandlungssaal des Arbeitsgerichts. Anders als man es erwarten würde, sind die Säle nämlich nicht auch nach außen zum geplanten Innenhof mit großen Fenstern geöffnet, sondern ducken sich tief in die angelegten Hügel, von außen wie Bunker vergraben. Dies bestätigt die Wand- und Deckendicke des Betons. Hinzu kommt, dass die wenigen Fensterscheiben mit einer Spiegelfolie versehen sind.

Kleiner VerhandlungssaalTeppichboden und -verkleidungGroßer VerhandlungssaalDie Fenster zum Atrium des Saaltraktes sind mit einem Glasbild versehen, das drei Seiten einnimmt.

Glasbild I zum Innenhof

Glasbild II zum InnenhofGlasbild III zum Innenhof

Wer bewundernswerte Technik-Improvisation sehen möchte, der sollte sich – bei Gelegenheit – die Verbindungskonstruktion der beiden Türen zum Beratungszimmer des großen Verhandlungssaals ansehen!

Verbindungsmechanismus der Türen zum Beratungszimmer

1980er Jahre-Design findet sich auch in den Flurlampen der oberen Etagen und im hellen und mit einer freischwebenden Wendeltreppe versehenen Foyer des heutigen Amtsgerichts oder den Sitzbänken auf den Fluren.

 80er Jahre DeckenleuchteSitzbankTreppe im Foyer des AmtsgerichtsDas altstädtische Umfeld hat sich in Ulm nur vorteilhaft ausgewirkt, der Architekt auf einen krassen Gegensatz durch (vermeintlich) moderne Architektur verzichtet. Auch nachfolgende Modernisierungen und Renovierungen haben dem immerhin schon über 25 Jahre alten Gebäude nichts anhaben können. Das ist nicht immer so. Alles in allem habe ich bislang keinen so geglückten Behördenbau aus dieser Zeit gesehen.

 Touristenmagnet: Der Einsteinbrunnen

 Hier geht es zu Teil 8 der Serie, Stuttgart. Die vorherigen Teile finden Sie hier: Berlin, Ravensburg, München, Saarbrücken, Köln, Siegburg, Frankfurt.

Tags: Arbeitsgericht Ulm Architektur Serie Zeughausgasse 12

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