1. Juli 2013
International Kanzleialltag Service

Business in Russia hautnah – Folge 5: Eine Fahrt nach Kaluga

Wenn man Kaluga hört, beginnt das Gedächtnis automatisch in den entlegensten Winkeln des Gehirns nach Assoziationen und Inhalten zu suchen. Irgendwie bildet man sich ein, diesen Namen schon mal gehört zu haben. Wenn man weder Russlandexperte ist noch in der Automobilindustrie arbeitet, könnte die Suche nach der Erinnerung etwas länger dauern, vielleicht sogar erfolglos bleiben. Aber der Gedanke lässt einen nicht mehr los. Irgendetwas war da…

Genau, irgendetwas war da; genauer gesagt, irgendetwas ist in Kaluga. Um dieses ominöse Irgendetwas herauszufinden, machte ich mich jüngst auf den Weg von Moskau nach Kaluga. Zugegeben, kein sehr weiter, für russische Verhältnisse schon gleich gar nicht. Die rund 200 Kilometer sind mit dem Auto schnell überwunden, erst recht wenn man – wie ich – einen erfahrenen Begleiter und Kalugakenner an seiner Seite hat.

Die Straße ist gut, breit, ausgebaut (mit zunehmender Entfernung von Moskau wurde allerdings etwas nachlässiger gearbeitet), hat so gut wie keine Schlaglöcher, was nicht überall in Russland gilt. Rechts und links des Wegs bekommt man alles, was man als Reisender braucht. Benzin, Wischwasser für die immer verdreckten Autoscheiben (wenn es sein muss auch frostsicher bis minus 60 Grad Celsius) und einen vorzüglichen Borschtsch. Rechts und links des Wegs bekommt man aber auch, auf was man gern verzichten könnte: Knöllchen! Die russische Miliz lauert überall. Hinter jedem Busch, hinter jeder Kreuzung und in jedem Ort hat sich ein Ordnungshüter gleich einem Scharfschützen in Stellung gebracht, um Temposünder und Verkehrsrowdys eines Besseren zu belehren. Wir haben Glück und kommen heute ungeschoren davon.

Sobald man den Moskauer Bezirk verlassen hat und in das Gebiet um Kaluga eingetaucht ist, erwacht die Erinnerung zu neuem Leben. Russland boomt. Das sieht man hier ganz eindrucksvoll. Soweit das Auge reicht, stehen neue Fabriken und Produktionsanlagen und glänzen in der frühlingshaften Wintersonne um die Wette. Viele deutsche, aber auch internationale Unternehmen der Automobilindustrie, Hersteller von Landmaschinen sowie Produzenten der Unterhaltungselektronik haben sich hier niedergelassen und produzieren dank staatlicher Subventionen und Vergünstigen für den russischen Markt. Der örtliche Gouverneur war fleißig und zugänglich und hat viele Unternehmen von seiner Region und deren Vorteilen überzeugen können. Er war so fleißig, dass in der Gegend mittlerweile nahezu Vollbeschäftigung herrscht, ein Kampf um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgebrochen ist und die Wohnungsmieten steigen und steigen und steigen.

Noch interessanter als die Fahrt durch das Gebiet um die gleichnamige Bezirkshauptstadt ist ein Blick hinter die Kulissen. Dank meines Begleiters öffnen sich Vorhänge, die hier keineswegs eisern sind, aber ohne ihn trotzdem für mich verschlossen geblieben wären. Ich bin erstaunt und für einen Moment sprachlos. Hier wird nicht nur just in time gearbeitet, sondern weltweit vernetzt mit vielen Zulieferern. Alles ist getaktet und aufeinander abgestimmt, wie die vielen kleinen Zahnräder einer Schweizer Präzisionsuhr. Was hier produziert wird, geht – zu meiner Überraschung – nicht gleich zur Endmontage, etwa zu Volkswagen, Volvo Truck oder Renault in den Nachbarort, sondern nimmt erst eine weitere Weltreise auf sich, um unter anderem in Indien weiterverarbeitet und von dort per Schiff und LKW nach Kaluga zurückgeschickt zu werden.

Für meinen Rückweg nach Moskau brauche ich Gott sei Dank weder Schiff noch LKW, dafür aber jede Menge Geduld, um den alltäglichen Stau beginnend am Moskauer Stadtrand halbwegs zu ertragen. Dieser Tag bekommt einen Ehrentag in meinem Gedächtnis.

P.S. Achtung, für alle, die es genau wissen wollen. In Kaluga gibt es noch etwas: moderne Forschung und ein großes Raumfahrtmuseum. Hier lebte, wirkte und träumte Konstantin Ziolkowski als Begründer der modernen Kosmonautik von der Reise ins All.

 

In der sechsteiligen Serie Business in Russia teilt unser Autor seine Eindrücke vom Geschäftemachen in Russland, berichtet über kleine Alltagsgeschichten und persönliche Begegnungen mit Land und Leuten. Bereits erschienen sind Folge 1: Russland boomt, Folge 2: Moskau liebt Sushi, Folge 3: Wodka, Banja und Compliance, sowie Folge 4: Stempeln, stempeln und nochmals stempeln.

Tags: Automobilindustrie Kaluga Russland Wirtschaftsboom


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.