14. Mai 2013
International

Business in Russia hautnah – Folge 1: Russland boomt

Der Flieger nach Moskau ist ausgebucht. Bis auf den letzten Platz. Mit Russen, die das Wochenende in München verbrachten und jetzt ihre prallen Einkaufstüten mit exklusiven Geschenken für sich und ihre Lieben in die dafür viel zu kleinen Ablagen stopfen. Und mit emsigen Geschäftsleuten aus Deutschland und Europa, die in Russland meterhohe LKW-Reifen an Kohle- und Erzminen verkaufen, große Autos in Langversion mit Allrad und Vollausstattung an den Mann bringen oder auch ganze Fabriken und Logistikzentren in Sibirien schlüsselfertig errichten. Russland boomt!

Dieses Gefühl von moderner Goldgräberstimmung, das sich auf der hoffnungslosen Suche nach einem leeren Staufach für das eigene Handgepäck einstellt, täuscht nicht. Es wird von den jüngsten Zahlen bestätigt. So legte die russische Wirtschaft in 2011 um 4,3 Prozent und in 2012 um über 3,5 Prozent zu. Die Staatsverschuldung ist für europäische Verhältnisse relativ niedrig, die Arbeitslosenquote mit rund 5 Prozent gering. In manchen Boom-Regionen gibt es sogar nahezu Vollbeschäftigung und es herrscht Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Und das russische Portemonnaie ist gut gefüllt dank sprudelnder Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft, was sich wohl auch nicht ändern dürfte, solange der Ölpreis stabil bleibt.

Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen

An diesem aktuellen Boom sind auch deutsche Unternehmen beteiligt. Nach Angaben der deutsch-russischen Außenhandelskammer sind über 6.000 deutsche Unternehmen vor Ort aktiv. Sie bilden damit die größte ausländische Kaufmannschaft. Deutsche Unternehmen – ob klein, ob groß – exportieren alles, was die russische Wirtschaft nicht leisten kann. Und das ist eine Menge: das flächenmäßig größte Land der Erde mit seinen unendlichen Weiten in Tundra und Taiga ist zwar reich an Bodenschätzen, wie Erdöl, Erdgas, Kohle, diverse Erze, Minerale und seltene Erden.

Russland ist aber kaum in der Lage, diese mit eigener moderner Technik zu fördern und zu verarbeiten. Das Land lebt in sklavischer Abhängigkeit von seinen Bodenschätzen. Fast alle Industriegüter müssen auf dem Weltmarkt beschafft werden. Es gibt kaum eine konkurrenzfähige heimische Industrieproduktion (das russische Bruttoinlandsprodukt fällt im Ländervergleich mit Deutschland um rund zwei Drittel geringer aus).

Davon profitiert Deutschland als Exportnation. Deutsche Anlagen, Maschinen, Autos, Chemieprodukte, Lebensmittel und Medizintechnik stehen hoch im Kurs. MADE IN GERMANY zieht. So ist Deutschland nach China der zweitwichtigste Handelspartner von Russland. Das bilaterale Handelsvolumen betrug 2012 über 80 Milliarden Euro. Die 100-Milliarden-Marke ist fest im Blick. Nicht ohne Grund war Russland Partnerland der diesjährigen Industrieschau auf der Hannover Messe.

Hohe Erwartungen an die Zukunft

Auch wenn viele Rahmenbedingungen weit vom Optimum entfernt sind (Russland belegt im  Ease of Doing Business Ranking aktuell den 112. von 182 möglichen Plätzen), sind die Aussichten für ein weiteres Wirtschaftswachstum in Russland nicht schlecht und besser als in den meisten anderen Weltmärkten. Neben dem enormen Entwicklungspotenzial des Landes dürften der in 2012 vollzogene Beitritt Russlands zur WTO sowie die zunehmende staatliche Förderung von ausländischen Investitionen als weitere Wachstumstreiber in Erscheinung treten.

So legte jüngst die russische Regierung einen Staatsfonds auf, der mit 20 Milliarden Euro prall gefüllt ist und ausländische Investitionen fördern soll. Auch das vom russischen Ministerpräsidenten auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos ausgerufene Ziel, unter die ersten 20 Plätze beim Ease of Doing Business zu kommen, könnte sich günstig auf die russische Wirtschaft auswirken, wenn konkrete Maßnahmen folgen.

Mithin sind die Vorzeichen für eine Fortsetzung des wirtschaftlichen Aufschwungs gut. Branchenvertreter, Verbände und die Politik teilen diesen Optimismus, auch wenn viele Herausforderungen warten und von den Unternehmen und der Politik angenommen und bewältigt werden müssen.

 

Wenn Sie mehr über Business in Russia erfahren wollen, bleiben Sie dran. In einer sechsteiligen Serie teilt unser Autor seine Eindrücke vom Geschäftemachen in Russland, berichtet über kleine Alltagsgeschichten und persönliche Begegnungen mit Land und Leuten.

Tags: ausländische Investitionen Bodenschätze BRIC-Staaten deutsch-russische Handelsbeziehungen


Wasi
am 25.06.2013 um 22:10:17

Ein sehr schöner Artikel.
Eigentlich sollte seit dem WTO-Beitritt des Landes der Handel mit Russland einfacher sein. In der Praxis sieht es eher anders aus. Es gilt hier, 5 Tücken zu überwinden:
Export-Tücke 1: Verantwortung in fremder Hand
Export-Tücke 2: Risiko Zollbroker
Export-Tücke 3: Falsche Sprache und Angaben
Export-Tücke 4: Überlastete Zollterminals
Export-Tücke 5: Hohe Gebühren
(Quelle: http://www.marktundmittelstand.de/nachrichten/kunden-maerkte/die-tuecken-beim-russland-export/ )
Es ist schade, dass Russland anstatt Zölle abzubauen durch immer neuen Auflagen und Abgaben den Export erschwert.

Gruß,
W.

bsani
am 27.06.2013 um 12:15:24

Vielen Dank für Ihren Kommentar. In der Tat ist der Grenzverkehr ein Nadelöhr, durch das man oft nur mit viel Geduld, Verwaltungsaufwand und Nerven gelangen kann. Deshalb setzen sich viele Wirtschaftsvertreter für einen frei(er)en Waren- und Personenverkehr zwischen Deutschland und Russland ein. Russlands WTO-Beitritt war ein wichtiger und richtiger Schritt in diese Richtung, auch wenn noch nicht alle damit verbundenen Hoffnungen voll und ganz erfüllt worden sind.
Thomas Mühl

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