24. Mai 2013
International Service

Business in Russia hautnah – Folge 2: Moskau liebt Sushi

Zwischen Kreml und dem Roten Platz, zwischen Lenin-Mausoleum und Puschkin-Museum gibt es mehr Sushi-Restaurants als Dönerbuden in Berlin. Zumindest ist das der Eindruck, dem der Moskaubesucher schnell verfallen kann. Überall laufen einem Maki und Nigiri-Röllchen hinterher. Moskau liebt Sushi.

Warum ist das so? Nun, es liegt nicht nur am Geschmack, so die erste spontane Vermutung. Es ist vor allem die Aura, die an diesem aus Reis und rohem Fisch gekneteten kulinarischen Statussymbol im wahrsten Sinne des Wortes klebt. Jung, dynamisch und sexy. Vor allem aber westlich und erfolgreich sind die Attribute, die mit den japanischen Röllchen immer wieder in Verbindung gebracht werden und mit denen sich vor allem die Hipster aus Moskau schmücken wollen.

Sushi sind aber nicht die einzigen Statussymbole, die Russen und Moskauer liebend gern ausführen. Da gibt es noch einige mehr, die dem allseits um Objektivität bemühten Besucher ins Auge springen. Autos sind nicht ganz unwichtig. Groß, schnell und schwer müssen sie sein (das ist übrigens auch in Deutschland so). Und wer etwas auf sich hält und es sich leisten kann, trägt auch Echtfell, gönnt sich einen Chauffeur und umgibt sich mit einer persönlichen Leibgarde.

Na klar haben diese Sachen alle einen tieferen Sinn. Wenn man auf dem zehnspurigen Leningradski-Prospekt im Stau steht, was die Moskauer den ganzen Tag machen, dann will man es wenigstens bequem haben. Wenn frau den Minirock anzieht (was selbst bei minus 20 Grad Celsius und sibirischem Schneesturm nicht selten passiert), will sie dennoch nicht frieren – ein legitimer Wunsch. Und ungebetene Gäste will niemand im Wohnzimmer haben, weder in Moskau noch in Uelzen.

Auch die wachsende „Mittelschicht“ hat ihre Aushängeschilder. Wer einmal mit der Moskauer Metro gefahren ist und sein Auge jenseits der wunderschönen Stationen schweifen ließ, weiß wovon die Rede ist: überall Smartphones, Tablets, Notebooks und E-Books – viele elektronische Helferlein mit den kleinen Insignien des rasanten Zeitalters von Bits and Bytes.

Abseits der technischen Funktionen steckt hinter dieser omnipräsenten Symbolik auch eine klare Botschaft. Wir sind im Wandel! Das Land, die Gesellschaft, vor allem die Bevölkerung in den Millionenstädten, wie die Metropole Moskau (12 Millionen plus), das wunderschöne Sankt Petersburg (5 Millionen) an der Newa und das sibirische Jekaterinburg (1,5 Millionen) stecken im Wandel, im Transformationsprozess, der alle Ebenen des gesellschaftlichen Miteinanders erfasst.

Eine ständige Suche, markiert durch den Bruch mit der politischen Vergangenheit, gekennzeichnet durch die Wahrung der kirchlichen Tradition und kulturellen Identität und geprägt von der Sehnsucht nach westlichem Kommerz, Wohlstand und dem Platz an der Sonne. Wohin diese Reise geht und wie viel Weg noch zu bezwingen ist, ist schwer zu sagen. Fakt ist aber, dass sich das Land öffnet und nach Westen schaut, auch wenn in letzter Zeit häufiger politische Entscheidungen getroffen werden, die eher Unbehagen in der westlichen Welt hervorgerufen haben.

 

Wenn Sie mehr über Business in Russia erfahren wollen, bleiben Sie dran. In einer sechsteiligen Serie teilt unser Autor seine Eindrücke vom Geschäftemachen in Russland, berichtet über kleine Alltagsgeschichten und persönliche Begegnungen mit Land und Leuten. Bereits erschienen ist Folge 1: Russland boomt.

Tags: gesellschaftlicher Wandel Moskau Russland Statussymbol


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.