24. Januar 2011
Kanzleialltag

Deutschlands Arbeitsgerichte (5) – München

Auf dem Boden heller Travertin, dahinter eine polierte Marmorwand, mittelgrau: Mies van der Rohes rekonstruierter Barcelona-Pavillon oder sein Haus Tugendhat bei Brünn? Nein, wir sind in München und „in den frühen 70er-Jahren“, die Bayerische Landeshauptstadt steckt in den Vorbereitungen für die Olympiade 1972.

Arbeits- und Landesarbeitsgericht München sind in einem Carré zwischen Winzerer und der Schleißheimer Straße untergebracht. Der gesamte Gebäudeblock wurde vom Architekten Ludwig Ernst aus München entworfen. Leider stand der mittlerweile 84-Jährige nicht für ein Gespräch zur Verfügung, so dass wir auf seine Erläuterung zu dem Entwurf verzichten müssen.

Die Baugenehmigung wurde am 12.05.1970 für das Stahlbetongebäude erteilt und der südwestliche Gebäudeteil an der Winzerer Straße 104 zum 01.03.1973 für das Arbeitsgericht angemietet. Das Carré besteht aus zwei Gebäuderiegeln mit sechs bis sieben Etagen an der Winzerer und der Schleißheimer Straße und lediglich zwei- bis dreigeschossigen Gebäudeteilen zur Herzog- und Clemensstraße hin.

Der markantere Teil des Blocks ist die Winzerer Straße, obwohl die Schleißheimer die belebtere ist. Hier macht der Grundriss nicht nur einen leichten Knick nach Westen, auch läuft das Gebäude in einem „Turm“ an der Clemensstraße aus. An der Schleißheimer Straße zeigt es dagegen sich mit einheitlicher, gerader Frontseite. Dort befand sich früher das Bayerische Oberste Landesgericht, nach dessen Auflösung finden Sie heute einen Supermarkt und ein Möbelgeschäft.

Die Fassade des gesamten Gebäudeblocks wird von den mit braunen Rahmen versehenen Fensterbändern dominiert, die lediglich durch Sichtbetonbänder unterteilt werden. Das kennen wir schon von anderer Stelle. Wer aber beachtet, dass diese Betonteile hier nicht nur in einer nach außen gewölbten Form gegossen sind, sondern auch die Holzmaserung der Verschalung gut sichtbar wiedergeben?

Betreten wir das Gebäude durch den Haupteingang:

Eine – alles andere als behindertengerechte – zweiteilige Treppe aus dunklem Stein führt in die Eingangshalle. Und wer seinen Blick an den zahlreichen Hinweisschildern für Rauchverbote, Notausgänge, WC-Beschriftungen oder zum Taxiruf vorbei schweifen lässt, dem werden hier auch die großen rechteckigen Bodenfliesen, vor allem aber die polierten Wandflächen aus Stein auffallen. Selbst die Decke mit der – heutigen – Beleuchtung ist gestaltet: im Eck zwischen den Durchgängen zum Treppenhaus und den kleineren Sitzungssälen sind kleine Lichtpunkte in die Decke eingesetzt.

Mit den Steinwänden in der Eingangshalle korrespondieren auch die Wände an den Aufzügen, polierte Steinwände, die ursprünglich nur durch das Bedienfeld des Aufzugs durchbrochen wurden. Der heute vorhandene Plastiklichtschalter in der Mitte stört ebenso wie die weitere Beschilderung. Formschön hat man dagegen vor einigen Jahren aber die Beschriftung der Etagen in Buchstaben und Ziffern aus Aluminium angebracht. Das Schriftbild entspricht den Originalbeschriftungen wie beispielsweise zum Sitzungssaal 1.

Das Treppenhaus wirkt wie freischwebend aufgehängt. Hier dominiert das braun gestrichene Geländer, das jedoch nicht aus Holz ist. Die zahlreichen Pflanzen sowie die Rankhilfen haben bis in die Jetztzeit durchgehalten.

Der große Sitzungssaal 1, der wegen seiner großzügigen Bestuhlung sogar vom Bayerischen Obersten Landesgericht mit genutzt wurde, befindet sich im Erdgeschoss links. Hier stehen noch die ursprünglichen mit roten Kunstleder bezogenen Stühle. Der Richtertisch an der Stirnseite und die gegenüberliegende Rückwand des Saals sind mit dunkel gemasertem Holz vertäfelt. Die rote Bepolsterung der fünf Richtersessel korrespondiert mit der Farbe aus dem Zuschauerraum. Der Eingangstür zum Saal gegenüber findet sich ein mehrteiliges Bild der 70er Jahre in einfachen Glasklemmrahmen.

Weniger groß aber mit eigenem Interieur sind die kleineren Sitzungssäle im Erdgeschoss zur Herzogstraße. Holz wird auch hier je Raum mit einem einheitlichen Thema verwendet. Die den Raum dominierenden Farben von Bestuhlung und Boden wechseln jedoch. So finden sich hier zur Abwechslung blaue Richtersessel auf mit blauem Teppichboden belegtem Podest. Die Sitzungssäle haben außen angebrachte, von innen beleuchtete Schaukästen, in denen die Terminsrollen angepinnt werden können. Die Schaukastenbeleuchtung „Sitzung, öffentlich, nicht öffentlich“ wird über die Mikrofoneinheit am Richtertisch bedient.

Im Erdgeschoss finden sich Übergardinen rechts und links der Fenster aus schwerem silbergrauem Stoff. Der gleiche durchwirkte Stoff findet sich – aber in einem gelb-ockerfarbenen Ton in den Sitzungssälen der ersten Etage wieder.

Auch die Säle im ersten Stock sind mit schwerem Holz in jeweils einheitlichem Dekor ausgestattet, die Stühle teilweise neu, aber in zeitlosem Design. In Saal 11 findet sich auch ein Kreuz an der Wand. Dem Richtertisch gegenüber hängt eine frühe Skizze Münchens – sie muss irgendwann später dazu gekommen sein, ebenso wie die Wanduhr.

Die Flure sind schlicht. Die dunkelbraunen Holztüren, der Boden aus graubraunem Nadelfilzteppich in den Gängen prägen die Etagen. An den Zimmertüren sind vor etwa zehn Jahren angebrachte Beschriftungen vorhanden, es wurde sogar ein Farbmuster für die Etagenzuordnung etabliert. Die Beschriftungen auf den Durchgangstüren sind allerdings original und damit vierzig Jahre alt.

Die Möblierung auf den Fluren macht leider nur den Eindruck, als habe man Ausrangiertes noch nicht weggeräumt. Neben leeren Zeitschriftenständern stehen viel zu wenige, viel zu kleine Tische. Hier können auch die allgegenwärtigen Büropflanzen nichts verschönern.

Unbedingt erwähnt werden müssen aber auch die Kacheln in den Sanitärräumen. Das ist echter „Flowerpower“ – wer sie bislang nicht bewusst wahrgenommen hat, sollte sich schämen. Sie dürften heute nicht mehr zu bekommen sein.

Auch Skurriles wie der mit lokalen Spezialitäten gefüllte Getränkeautomat mit der Optik eines Panzerschranks im Erdgeschoss oder die Notrufaufkleber auf Handtuchspendern sollen nicht unerwähnt bleiben.

Und welcher heutige Besucher weiß denn, dass sich die frühere Pförtnerloge hinter dem Schild für das Landesarbeitsgericht München in der Vorhalle links befand, dass die jetzige einmal ein Durchgang zum Sitzungssaal 1 war und der nachträglich eingebaute Tresen auch erst vor einigen Jahren mit einem Fenster versehen wurde?

Die Modernisierung macht auch in München nicht halt. So soll das Gericht innerhalb der nächsten Jahre in das dann innen und außen völlig sanierte Nebengebäude, Winzerer Straße 106 umziehen. Von dem ursprünglichen 70er Jahre Entwurf wird dann nichts mehr übrig bleiben.

Bis dahin empfehlen wir jedem Besucher des Münchner Gerichtsgebäudes, diese bald verschwundene Atmosphäre in tiefen Zügen zu inhalieren. Sie kommt nicht wieder.

Die Serie widmet sich Deutschlands Arbeitsgerichten – den Gebäuden, ihrer Architektur und der Umgebung und nicht dem gesprochenen Recht.

Hier geht es zu Teil 4, Saarbrücken. Die vorhergehenden Teile finden Sie hier: Köln, Siegburg, Frankfurt.

 

Update: Zum 12.5.2014 sind Arbeits- und Landesarbeitsgericht München in ihr neues Gebäude in die Winzererstraße 106 umgezogen. Das hier beschriebene Gerichtsgebäude gehört jetzt also der Vergangenheit an!

Tags: Arbeitsgericht Arbeitsgericht München Architektur Landesarbeitsgericht München Serie


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.