29. Juni 2015
neue Formen der Arbeit
Arbeitsrecht

Schon gehört? Scrum, agile HR und Turker?

Neue Formen der Arbeit breiten sich aus. Begriffe sind schnell gefunden, aber was sind Scrum, agile HR und Turker - und welche Regeln gelten für Akteure?

Während sich viele HR-Manager und Arbeitsrechtler noch mit Matrix-Organisation, Social Media und Bring your own device (BYOD) auseinandersetzen, breiten sich im Hintergrund schon wieder ganz neue Begriffe in der Arbeitswelt aus.

Am Mittwoch las ich in der Zeitung über das digitale Arbeiter-Heer der „Klick-Jobber″, auch „Turker″ genannt. Neben „agiler HR“ und „Scrum“ eine weitere Entwicklung in der Arbeitswelt, die sich ausgebreitet hat, ohne dass der altehrwürdige Rahmen arbeits- und sozialrechtlicher Einordnung hierauf ausgerichtet ist.

Und während über Minijobber und Teilzeitarbeit als prekäre Arbeit diskutiert wird, Gewerkschaften die Anwendung bestimmter Tarifregelungen erstreiken wollen oder sich das BAG die Frage stellt, ob ein Scheinbewerber sich auf Anti-Diskriminierungsvorschriften berufen kann, stürmen Arbeit und Arbeitsorganisation mit Sieben-Meilen-Stiefeln in immer neue Welten mit neuen Formen davon.

Scrum, agile HR und Turker – ein Überblick!

  • Den Begriff der agilen HR gibt es schon länger. Die Arbeitsorganisation passt sich dabei den wechselnden Anforderungen an. Gearbeitet wird in Teams, Hierarchien kennt man nicht. Selbstorganisation ist gefragt und gewünscht. Der Einzelne bringt sich jeweils dort ein, wo er am meisten gebraucht wird und am besten unterstützen kann. Agiles HR verlangt agile Führung. Und die Führung übernehmen die Kundenbedürfnisse. Auf Konferenzen wird hierüber diskutiert.

Wie aber sehen passender Arbeitsvertrag und Unternehmensorganisation hierbei aus, und welche Rolle übernimmt die Human Rescources?

  • Die Scrum-Methodik entstammt der Software-Entwicklung und ist hier zur Zeit noch am meisten verbreitet. Aber Scrum – „Gedränge″, eigentlich ein Begriff aus dem Rugby – breitet sich aus. Der Product Owner definiert das Ziel, an dem das Scrum Team arbeitet. Das Team besteht aus internen und externen Mitarbeitern, Angestellten, Dienstleistern, freien Mitarbeitern. Der Scrum Master moderiert das Team. Über Sprints, also kurze Zeitabschnitte, nähert sich das Team dem Ziel. Die Entwicklung wird im Product-Backlog festgehalten. Hier wird viel gemeinsam gearbeitet z.B. beim Pair Programming. Hier wird auf Hierarchien verzichtet, Rollen werden getauscht. Das verlangt nach viel Arbeitsteilung und Kommunikation.

Kennen Sie schon? Dann brauchen Sie sich hier nicht weiter einzulesen. Aber mit allen arbeits- und sozialrechtlichen Fragen werden Sie sich auseinandersetzen müssen!

  • Und dann die Klick-Jobber. Auch dieser Begriff ist nicht wirklich neu. Amazon begann hiermit bereits im Jahr 2005 und eröffnete eine Plattform, über die sie sich Kleinstaufträge zur Bearbeitung abholen können. Amazon nannte dies „Mechanical Turk″ nach dem berühmten Schachtürken, der vor fast 250 Jahren von Mechaniker Wolfgang von Kempelen als angeblicher Schachroboter entwickelt wurde – und bewies damit praktische Kenntnis der Technikgeschichte.

Wie die Kleinstaufträge bei Amazon bearbeitet werden, lesen Sie hier. Die Klick-Jobber erfassen die Angaben einer CD-Hülle oder sortieren Hosen in Kategorien (Damen, Herren, lang, kurz, Skinny oder Boy-Cut) oder texten Produktbeschreibungen oder Artikel. Und für Amazon erledigen mehr als 500.000 Menschen weltweit derartige Jobs. Andere Unternehmen und Plattformen sind längst auf diesen Zug aufgesprungen. Die Klick-Jobber nennen sich selbst Turks oder Turker und ihre Arbeit Crowd Work. Sie stellen fest, dass sie wenig verdienen und aus den bestehenden Rastern fallen. Jetzt tauchen sie aus ihrer Schattenwelt hervor und wir lesen von ihnen in der Zeitung.

Auch hier werden sich Arbeitsrechtler einarbeiten müssen. Auch hier sind neue Bewertungen erforderlich. Oder vielleicht auch nicht?

Reichen die zarten Ansätze von ministerieller Seite zum Thema Industrie 4.0? Wo bestehende Regelungen sich noch an den Fragen der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts orientieren, ist die Diskussion gefragt!

Fangen wir schnellst möglichst damit an.

Tags: agile HR Arbeitsrecht neue Formen der Arbeit SCRUM Turker


Andre Haeusling
am 01.07.2015 um 16:46:05

Hallo Herr Lützeler,

ja, da warten sicherlich noch viele spannende Fragen an die Arbeitsrechtler. Super, dass Sie das Thema aufnehmen.

Wir erleben zunehmend Organisationen, die agile Vorgehensweisen in Betriebsvereinbarungen regeln wollen/ müssen und sich dabei sehr schwer tun. Personal- und Führungsinstrumente werden völlig neu gedacht. Es geht vor allem um teamorientierte Ansätze, die individuelle Boni, Mitarbeiterjahresgespräche hinfällig werden lassen. Die Alternativen sind sehr transparent, was weitere viele arbeitsrechtliche Fragen aufwirft. Das Arbeitszeitsgesetz ist auch ein schöner Themenkomplex. Die Liste lässt sich noch deutlich verlängern…

Unsere Erfahrung zeigt, dass die agilen Themen aktuell stark zu nehmen und durchaus arbeitsrechtlicher Regelungsbedarf besteht.

Viele Grüße
André Häusling

Martin Lützeler
am 02.07.2015 um 10:30:11

Lieber Herr Häusling,
Sie nennen genau die Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen! Ich bin gespannt, wie es weitergeht! Denn die Entwicklungen werden sich nicht aufhalten lassen.
Viele Grüße
Martin Lützeler

Jakub Reiglich
am 08.09.2015 um 12:07:26

Ich kenne mich nicht so mit Klick-Jobber aus, aber mein Team benutze Scrum und dann Scrumban für eine Weile – über 20 Monate. Es funktioniert super, und wir haben Scrum-Basisteile mit Kanban ausprobiert, um den Work-In-Progress Menge zu verringern und Multitasking ein Ende zu bereiten. Es funktioniert.
Wir haben damit angefangen, die Aufgaben auf einem Whiteboard zu visualisieren – und jetzt verwenden wir ein Digitales Board (http://kanbantool.com/de). Dies ist besser, da das Team den Prozess ansehen und Aufgaben von überall übernehmen können (Viele arbeiten von Unterwegs oder von Zuhause aus). Es hat das Unternehmen verändert, und nach meiner Einschätzung wird es das auch in der Zukunft.
Agilität heißt mehr Flexibilität mit Prozessen und auch in der Allgemeinen Denkweise des Unternehmens. Ich empfehle es.

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