22. Februar 2011
Typ Stein
Kanzleialltag

Deutschlands Arbeitsgerichte (7) – Berlin

Keine Termine auf der Rolle

Dass Berlin „arm, aber sexy″ sein soll, hat auch die Justiz aufgegriffen. Uns Arbeitsrechtler versorgen die Berliner Arbeitsgerichte auch mit interessantem Diskussionsstoff wie „Emmely″ und „CGZP″. Dennoch: mein letzter Eindruck des Arbeitsgerichts Berlin vor Beginn dieser Serie  ist geprägt von einem trüben, kalten Wintertag, ich war spät dran und musste gleich nach der Verhandlung wieder weiter. Aber das ist einige Zeit her. Widmen wir uns dem Gerichtsgebäude „Magdeburger Platz 1″ also nun ganz ohne Vorbehalte:

Das Gebäude beherbergt das Arbeitsgericht Berlin und das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg. Letzteres ist schon deshalb eine Besonderheit, weil es sich hierbei um ein länderübergreifendes Gericht handelt, das die Länder Berlin und Brandenburg im „Staatsvertrag über die Errichtung gemeinsamer Fachobergerichte der Länder Berlin und Brandenburg″ aus der Taufe gehoben haben. Abgesehen von dieser Besonderheit können die Arbeitsgerichte in Berlin aber mit weiterer interessanter Gebäudehistorie aufwarten.

Hierzu ist jedoch ein Schritt auf der Genthiner Straße in Richtung Kurfürstenstraße notwendig.

Früher: Statt Recht ein Sofa bekommenDort erhebt sich das Hochhaus der Firma Möbel Hübner, die ihre Geschichte in einem Film zum 100-jährigen Bestehen zusammengefasst hat, in dem sich auch Ansichten des heutigen Gerichtsgebäudes finden. 1947 nämlich wurde an der Genthiner Straße, dem Nordteil des heutigen Gerichtsgebäudes, in der nach dem Krieg völlig zerstörten Gegend, ein Möbelhaus errichtet. Nach 1956 wurde das Haupthaus nach Süden hin erweitert und umgebaut, und bekam seine bis heute bestehende Form. Im Erdgeschoss Schaufenster, im südlichen Teil ein Lagerhaus – heute erkennbar an den schmaleren Fluren.

Die Deutsche Einheit brachte den Wechsel vom Lager- zum Bürohaus. Mit ihr war für Lagerkapazitäten im Berliner Umland viel und vor allem kostengünstiger Platz vorhanden. Gleichzeitig wurden Büroflächen in der Stadt dringend gesucht. Die Berliner Arbeitsgerichte befanden sich bis dahin in der Lützowstraße, und waren plötzlich nicht mehr nur für den Westteil der Stadt zuständig, sondern auch für zahlreiche Restrukturierungen und Personalabbau. Ein größeres Gebäude wurde nötig. Das ursprüngliche Lagerhaus wurde Anfang der 90er-Jahre in ein Bürohaus umgebaut, neue Decken, Böden und Wände eingezogen und nach der Fertigstellung im Oktober 1994 zogen Arbeitsgericht und Landesarbeitsgericht Berlin ein. Die heutige Adresse wurde vom Präsidium durchgesetzt. Dementsprechend befindet sich der Eingang zum Gebäude auch an der Schmalseite zum Magdeburger Platz.

Nordseite am Magdeburger Platz 1 - Eingang unten rechts

Genthiner Straße

 

Auf der Homepage des Gerichtes wird das Gebäude mit einer Ansicht vom Magdeburger Platz die Genthiner Straße hinauf Richtung Süden präsentiert. Hierdurch wird zum einen die schmale Querseite zum Magdeburger Platz, die geraden Fensterreihen und vor allen Dingen die mit Steinplatten versehenen großen Querwand betont. Die Sahneseite ist meines Erachtens aber die langgezogene Fassade zur Genthiner Straße mit ihrem U-förmigen Rahmen. Während das Erdgeschoss, früher Schaufenster, mit Steinplatten vertäfelt und zurückgebaut liegt, ist die Fassade der 1. bis 5. Etage durch ihre Fenstersegmente gegliedert. Das Gebäude wirkt hierdurch streng geometrisch, aber aus spitzem Winkel keineswegs langweilig. Man erahnt noch die in den 50er-Jahren beabsichtigte Wirkung des ursprünglichen Entwurfs. Stellen Sie sich das Ganze also im Jahr 1956 vor.

Ein bisschen monumental

Fensterreihen

 

Die ebenfalls mit Stein verkleideten Wände der Schmalseiten wirken mit Beschriftung und Beleuchtung weniger wuchtig, wie sich an der Südseite sehen lässt. Das Arbeitsgericht verzichtet auf derartig werbendes Auftreten, nur zwei kleine Schilder finden sich rechts des Eingangsbereiches.

Viel Platz für Werbung

Beschilderung

 

Zur Straßenseite hat man dem Haus ein Schrägdach mit Fenstergauben aufgesetzt. Zur Rückseite ist das Dach sehr viel flacher, auf Gauben hat man hier verzichtet. Über dem Eingang an der Südseite ist ein Kuriosum zu entdecken, nämlich drei Fahnenmasten, die ohne Sicherungen und Seile, ja ohne Zugang, noch nie benutzt wurden.

Ganz oben - eins, zwei, drei unbenutzte Fahnenmasten

Die Eingangshalle wirkt im Gegensatz zum mit dunklen Steinplatten versehenen (die unterste Reihe ein wenig heller als die anderen) Eingangsbereich licht und hell. Besucherströme werden um den in der Mitte des Raumes befindlichen Empfang herum geleitet. Die Rampe für Rollstuhlfahrer wirkt von oben gesehen wie der Strömungsbereich eines Schwimmbades.

Wenige Stufen vom Eingang herauf

Ein bisschen wie Hallenbad mit Strömungskanal

 

Die Aufzüge im 90er-Jahre-Design, d. h. etwas übertrieben, säulenartig, marmoriert und bunt, weisen großstadttypische Kampfspuren auf Spiegeln und Wänden auf.

Aufzüge, von allem zuviel

Kampfspuren

 

Sehr viel überzeugender ist das sehr schöne Haupttreppenhaus, das sowohl durch sein Geländer als auch durch seine strenge und schlichte Form gefällt.

Treppenhaus

Die übrigen Flure sind mit blauem Linoleum ausgestattet, die Zimmer und Verhandlungssäle dagegen mit grauem Linoleum. Die Säle selbst verfügen über das bei Gerichten übliche Holzmobiliar. Die ursprünglichen einteiligen Richtertische werden nach und nach durch neue Richtertische in Modulbauweise ersetzt.

Richtertisch (alt)...

... und Richtertisch (neu)

 

In den Beratungszimmern treffen wir aber auf so manchen Anachronismus, bei dem sich der Betrachter fragt, wie sich diese Ausstattung überhaupt noch bis zum Einzug im Jahr 1994 retten konnte.

Beratungszimmer 2011

Für Zuschauer und Wartende gibt es unzählige verschiedene Arten an Bänken.

Typ 6

Typ 3

Nr. 1

 Typ 4archaischer TypTyp 2

Vorne an der Genthiner Straße neben dem Eingang steht eine weitere Bank, Teil der Stadtquartierpflege, die Aktenstapel mit einer übergeworfenen Robe darstellt.

 

Typ Stein

Die Wände des Gebäudes sind mit zahlreichen auch großformatigen Bildern und Postern behängt. Drei davon möchte ich herausgreifen: Es handelt sich hierbei um „Die Warteschlange″ und „Die Kündigung″ der Künstler Philipp Heinisch und F.W. Bernstein vor den Sälen im Südteil des Gebäudes auf der 3. Etage und um das Bild „Vergleicht Euch″ im Eingangsbereich.

Die Kündigung

Einigt EuchIn der Warteschlange

 

Und dann gibt es die mittlerweile geschlossenen Kassenhäuschen im 1. Stock, in denen früher Zeugengeld, als auch die Vergütung für Dolmetscher und ehrenamtliche Richter in bar ausgezahlt wurde.

Nichts mehr zu holen

Und eine weitere Besonderheit: Von der ersten Etage gibt es einen Durchgang, eher unauffällig, auch wenn Schilder darauf hinweisen, von dort geht es in das Restaurant des Möbelhauses Hübner, von dem man unmittelbar das Möbelhaus betreten kann. Ob es wirklich „durchgehende″ Besucherströme gibt, konnte ich bei meinem Besuch nicht feststellen.

Cantina

Hier geht's langDa ist mehr drin

 

Mein früherer Eindruck des Gerichtsgebäude ist damit revidiert – ich warte noch auf eine Nachtansicht, hellerleuchtet – auch wenn es nicht wie im Jahr 1956 aussehen wird.

Die Serie widmet sich Deutschlands Arbeitsgerichten – den Gebäuden, ihrer Architektur und der Umgebung.

Hier geht es zu Teil 6 der Serie: Ravensburg. Die vorhergehenden Teile finden Sie hier: München, Saarbrücken, Köln, Siegburg, Frankfurt.

Tags: Arbeitsgericht Arbeitsgericht Berlin Architektur Landesarbeitsgericht Berlin Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg Serie

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