25. November 2011
Turmhaube
Kanzleialltag

Deutschlands Arbeitsgerichte (11) – Darmstadt

Wahrscheinlich geht es Ihnen beim ersten Besuch beim Arbeitsgericht Darmstadt wie mir – Sie suchen am Eingang das Schild „Arbeitsgericht″, finden zuerst nur die Schilder zahlreicher anderer Gerichte, gehen hinein und sind froh, doch richtig zu sein und den richtigen Verhandlungssaal zu finden. Dann aber entgeht Ihnen einiges.

Um den heutigen Bau des Arbeitsgerichts Darmstadt am Steubenplatz zu verstehen, muss man sich mit der Geschichte Darmstadts ab dem Ende des 18. Jahrhunderts auseinander setzen.

Im Zeitraffer finden Sie hier die wichtigsten Details:

Ludwig X. übernahm 1790 die Herrschaft des Großherzogtums Hessen und verlegte seinen Regierungssitz nach Darmstadt. In der Folge wuchs die Bevölkerung und mit ihr die Stadt, der wirtschaftliche Aufschwung tat sein übriges und Darmstadt zierten zahlreiche repräsentative Bauten. Darmstadts Neustadt im Westen des historischen Stadtkerns wurde ab 1815 nach einem Plan des Hofbaumeisters Georg Moller errichtet. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verfügte Darmstadt sogar über zwei Bahnhöfe, die an die Bahnnetze zweier Bahngesellschaften angeschlossen waren. Beide lagen am Steubenplatz. Der 1846 errichtete Main-Neckar-Bahnhof, ein Durchgangsbahnhof an der Strecke Frankfurt-Heidelberg, lag an der westlichen Längsseite. Der 1858 errichtete Ludwigsbahnhof dagegen war ein Kopfbahnhof an der nördlichen Stirnseite des Platzes und an die Bahnverbindung Mainz-Aschaffenburg angeschlossen. Die Bahnhöfe, mehrgeschossige Gebäude mit einem zentralen Mittelbau und Seitengebäuden, begrenzten den Steubenplatz im Norden und im Westen. 1912 jedoch wurde der heutige Hauptbahnhof errichtet und im gleichen Jahr wurden die beiden Bahnhöfe am Steubenplatz stillgelegt. Aus dem Ludwigsbahnhof wurde zunächst eine Armeeunterkunft, später wurde das Gebäude von der Stadt genutzt. Aus dem Main-Neckar-Bahnhof wurde ebenfalls ein Verwaltungsgebäude. Ihr Ende datiert auf den 11.09.1944. Bei dem als „Brandnacht″ bekannten Luftangriff auf Darmstadt wurde das Stadtzentrum fast völlig zerstört. Der beschädigte Main-Neckar-Bahnhof wurde nach dem Krieg einige Jahre als Jüdische Berufsfachschule (Betar Schule) genutzt, bevor er 1955 abgerissen wurde. Die Ruine des Ludwigsbahnhofs wurde ebenfalls 1955 abgetragen. An ihrer Stelle befindet sich das heutige Gerichtsgebäude, das viele Details der früheren Bahnhofsarchitektur zitiert, ohne ein Nachbau zu sein.

Wenn Sie sich dem Gebäude das nächste Mal nähern, dann lassen Sie Ihren Blick über die vielen Formen und Details außen und im Inneren schweifen.

Kein schlichter RückenBlick vom Steubenplatz

Der Bau, ein preisgekrönter Entwurf der Darmstädter Architektengemeinschaft Stadtbauplan von Ernst-Friedrich Krieger und Lothar Greulich, wurde 1989 fertiggestellt und bezogen. Das Gebäude, dessen Grundriss dem Straßenverlauf folgt und eine S-Form bildet, besteht aus Sichtmauerwerk aus unbehandelten Bredero-Betonstein und bildet einen Abschluss des Steubenplatzes nach Norden und damit auch  eine stadträumliche Rekonstruktion des ganzen Quartiers. Es ist zum Platz hin konvex, auf der Rückseite konkav. In der Höhe orientiert es sich an dem von Georg Moller 1815 vorgegebenen Maßstab der benachbarten Stadtstruktur.

 Ausschnitt der GebäuderückseiteNordseiteSpätsommer in Darmstadt

Der Eingang befindet sich in der Gebäudemitte. Man erreicht ihn über eine kleine Brücke. Denn zwischen Haus und Straße liegt ein breiter Graben, um auch den Räumen im Unterschoss genügend Tageslicht zu geben. Hier wird die Dreigliederung des Gebäudes in Sockel, Wand und Dachbereich besonders deutlich. Während der obere Teil der Fassade durch das Sichtmauerwerk geprägt wird, wechseln im Untergeschoss Steinbänder aus hellen und dunklen Steinen.

Brücke zum EingangVom Scheitel bis zum Sockel

Eingang

Als weitere Details sind der Zahnfries unter der Dachkante, die gegossenen Fensterstürze aus Beton, Erker, Nischen und Ecken, sowie die zwei turmartigen Nottreppenhäuser an den Schmalseiten und kleine Turmhauben auf dem Dach zu sehen.

Aufwändige DachkanteGestaffelte AnsichtNischen, Erker, Ecken, KantenVon der zentralen Eingangshalle, die sich zur Straßenfront wenig sichtbar nur durch ein zentrales Rundfenster im ersten Stock und einen Turm auf dem Dach abzeichnet, zur Rückseite aber in das lichtdurchfluteten Treppenhaus fortsetzt, gelangt man rechts und links in die Wartezonen vor den Sitzungssälen oder über die Treppe in die drei Obergeschosse. Glasdächer und Fensterreihen lassen von allen Seiten Licht in das Gebäude. Im zurückgesetzten obersten Geschoss liegen die Bibliothek und die Cafeteria, die als einzige mir bislang bekannte Gerichtscafeteria über eine Außenterasse verfügt. Auf der Rückseite der Gebäude liegt ein Gartenhof mit Pergolen, der sich im Spätsommer grün und verwachsen zeigte und den Blick auf den dahinter liegenden Parkplatz abschirmt.

Hier trinkt man den Kaffee in der SonneHinaus in die GartenprachtAngelegter Wildwuchs

Die Saalbereiche sind ebenso mit Flachtonnendächern gedeckt wie das Hauptgebäude oder der rückwärtige Vorbau des Treppenhauses, während die Türme von kleinen Hauben gekrönt werden.

Viel Dach und viele BögenAußenlampenreiheTurmhaube

Die Dachkonstruktionen zitieren mit ihrem Unterbau die alten Perronhallen der Bahnsteige. Dabei wurde die Bahnsteigüberdachung des alten Ludwigsbahnhofs schon nach dem Ersten Weltkrieg abgebaut und in den Bahnhöfen Buchschlag-Sprendlingen und Langen weiterverwendet. Dort sind sie noch heute im Einsatz.

Bahnsteig oder VordachDachgarten

Dachkonstruktion des SaalanbausDas Haupttreppenhaus bildet den Mittelpunkt des Gebäudes und wird auf der Rückseite von einem halbrunden Glasbau umhüllt, der sich von der konkaven Hofseite absetzt. Die Treppe ist nicht fest mit der Fassade verbunden, sondern schwebt vor ihr allein von der zentralen Säule getragen. So ist das Treppenhaus eine schwebende Beton-Skulptur, wenngleich die – sehr detaillierte und bebilderte Ausstellung zur Geschichte des Gebäudes - zur Zeit einiges von diesem Freiraum einnimmt. Die Geschosse wiederum sind offen mit dem Treppenhaus verbunden, was durch den gleichen petrolfarbenen Gumminoppen-Boden und die umlaufenden, filigranen Geländer optisch verstärkt wird. Die Farbe Petrol zieht sich im Übrigen durch das ganze Gebäude, wirkt unaufdringlich und doch verbindend.

In der SchwebeBlick von obenZentrales Treppenhaus

Gleiches gilt für die aufwändig gestalteten Lampen und Säulen oder die zahlreichen Nischen für Wartende und Arbeitende im Erdgeschoss oder dem ersten Obergeschoss.

Säulenfuß

LampeWartebereich im ersten Stock

Die Sitzungssäle befinden sich im Erdgeschoss auf der Hofseite des Erdgeschosses. Sie wurden in zwei Gruppen rechts und links von der Eingangshalle als eigenständige Baukörper vor die Wartezone gesetzt. Die Bänke in den Wartezonen vor den Sitzungssälen erinnern an den Darmstädter Jugendstil der Mathildenhöhe und an die Wartesäle des historischen Bahnhofs.  Hier hat man ganz bewusst mit alten Formen und Farben gespielt und erzeugt so ein besonderes Ensemble.

Warte-EnsembleDer große Wartebereich vor den Sälen des SozialgerichtsFarbreihen zum SitzenDie Sitzungssäle sind im Innern schlicht gestaltet. Die hohe Fenster zum Hof und die in der Mitte gewölbte Decken lassen die Räume mit ihren auch hier hell lasierten Betonsteinwänden größer wirken. In den Sitzungssälen liegt Teppichboden. Die Richtertische, die über einen leicht geschwungenem Vorbau und schmale Verzierungen verfügen,  stehen vor einer bis zur Hüfte holzvertäfelten Wand unter einem Landeswappen. Der türkisfarbene Ton zieht sich durch den gesamten Saal angefangen vom Teppichboden über die Metallfüße von Tischen und Stühlen. Bei den Stühlen handelt es sich um schlichte Freischwinger mit hell gebeizten Sitzflächen und Lehnen.

Außenansicht SitzungssaalRichtertischFür die öffentlichen Bereichen des Hauses wurde vom Bildhauer Alfred Hrdlikcka ein Zyklus über den im Darmstadt des Vormärz verfolgten Georg Büchner geschaffen. Seine Werke hängen vor den im Inneren durchgehend mineralisch lasierten Betonsteinen.

Georg Büchner in Bronze

Büchner-ZyklusDem Gebäude merkt man sein Alter von mittlerweile über 20 Jahren nicht an. Lediglich die aussterbenden öffentlichen Fernsprecher in ihren hölzernen Nischen oder die neben den Wartebänken eingelassenen Aschenbechern zeugen von anderen Zeiten. Der Aschenbecher vor dem rückwärtigen Eingang darf dagegen als Zeichen des 21. Jahrhunderts gelten.

Aussterbende Art: öffentlicher FernsprecherWofür ist denn diese Schale?Das Arbeitsgericht Darmstadt – ein anspruchsvoller Bau, der einen zweiten und dritten Blick verdient. Kein Wunder, das sich das Gericht auch selbst von vielen Seiten präsentiert.

 

Die Serie widmet sich Deutschlands Arbeitsgerichten – den Gebäuden, ihrer Architektur und der Umgebung.

Hier geht es zu Teil 10 der Serie, Duisburg. Die vorhergehenden Teile finden Sie hier: Ulm, Stuttgart, Berlin, Ravensburg, München, Saarbrücken, Köln, Siegburg, Frankfurt.

Tags: Arbeitsgericht Darmstadt Architektur Deutschland Serie Steubenplatz

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *